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  • Exhibition Friedrichshof 2015

    Die etwas andere Sicht…(Ausstellung Feldschuh, Krumpholz, Wagner)

    Wir sind ja alle – vor allem alle Anwesenden – noch sehr jung, oder gerade im besten Alter. Trotzdem stelle ich mein Lieblingsmotto über ein paar Gedanken aus Anlass der Eröffnung dieser Ausstellung: für die Kunst älter zu werden, brauchen wird die Kunst, …… damit wir nicht als Zikaden enden! Was ich damit meine, soll ein wenig später erörter werden.

    Angeregt durch den Flair klassischer Formen einiger Objekte in dieser Ausstellung, möchte ich an passendem Ort ein wenig Kunsttheorie betreiben. Wie entsteht Kunst? Neben vielen Erklärungen gibt es auch die eine: Kunst entsteht – ähnlich wie leider auch der Krieg – durch Vergleich, oder sagen wir Wettstreit oder sagen wir Wettlauf. Wettlauf um die Darstellung der Wirklichkeit, der Lebendigkeit, der Schönheit. Der älteste und nachhaltigste Wettstreit war und ist seit Menschengedenken vom Streben des künstlerisch schaffenden Menschen, der Menschin, bestimmt, es der Natur gleichzutun, ja sie nach Möglichkeit zu übertreffen. Sie kennen vielleicht die Geschichte von Apelles, dem  bedeutendsten Maler des antiken Griechenland und des ganzen Altertums. Als er seinem Bewunderer Alexander dem Großen ein neues Bild vorführte, auf dem er Pferde gemalt hatte, war dies so kunstfertig und so perfekt, dass die Pferde des Alexander heftig zu wiehern begannen, da sie im Bild lebendige Artgenossen zu erkennen glaubten. Das getreueste Abbild zu erreichen, war lange Zeit das Kriterium höchster Kunst. Es ist noch gar nicht so lange her – sagen wir: höchsten 150 Jahre – dass es die Kunst satt hatte, sich weiterhin mit der Natur zu vergleichen – und ständig mit ihr verglichen zu werden. Auch dazu gibt es eine schöne Geschichte. Und wenn sie nicht wahr ist, ist sie gut erfunden: Als Franz Marc 1911 seine berühmten blauen Pferde ausstellte, rief bei der Vernissage eine Dame empört aus: Aber Pferde sind doch nicht blau! Darauf Franz Marc: Aber gnädige Frau, das sind keine Pferde, das ist ein Bild!

    So wie sich die Künstler – und Künstlerinnen – in der Renaissance vom niedrigen Stand des Handwerkers emanzipierten, so befreite sich die Kunst vom Natur-Nachahmungstrieb. Sie entstand als eine ars liberalis, eine in vieler Hinsicht wirklich freie Kunst.
    Erst wer frei ist, kann den „anderen“ oder die „andere“ neidlos akzeptieren, ja sogar auf ihn, auf sie selbstlos verweisen. Der österreichische Maler Hubert Schmalix, von dem zur Zeit im Kunstforum eine großartige Ausstellung zu sehen ist, hat vor kurzem in einem Interview einen Satz gesagt, den ich mir aufgeschrieben und über meinen Schreibtisch gehängt habe: Erst die Kunst macht die Schönheit der Natur bewusst. Und wie oft sage ich – und freu mich daran – wenn ich am frühen Morgen über die Höhen gehe und die sich an zartem Rosa erwärmenden Wolken sehe: Caspar David Friedrich –oder angesichts der Schönheit eines wüst umgeackerten Stoppelfeldes: Anselm Kiefer. Und ich drehe den Schmalix-Satz um und sage: Erst die Natur macht die Schönheit von Kunst bewusst. Und gibt uns ein nicht benennbares Kriterium in die Hand, um zu erkennen, was gute Kunst ist und was nicht. Natur ist nämlich – wie qualitätvolle Kunst –niemals langweilig. Niemals.
    Soweit einige – höchst fragmentarische – Gedanken zur friedlichen Koexistenz von Kunst und Natur.

    Aber weil streiten so schön ist, hatte man – wiederum in der Renaissance, der italienischen natürlich – neue Fronten eröffnet. Auf der einen Seite jene Künstler und Philosophen, die dafür stritten, dass das Wichtigste in der Bildkunst die Zeichnung sei: il disegno. Die gegnerische Partei hatte il colore auf ihre Banner geschrieben, die Farbe wäre das Wichtigste an der Malerei. Heute wissen wir, dass dieser Streit eher ein kunstphilosophisches Geplänkel war: dass die vollkommene Schönheit der großen Werke gerade im harmonischen Zusammenspiel beider besteht. Doch weil das beliebte Große-Buben-Spiel „Wer ist wichtiger, ich oder du?“ immer neue Kampfplätze findet, hat man bald die zwei wichtigsten Kunstgattungen konkurrierend gegeneinander antreten gesehen: Malerei und Bildhauerei – wer erfasst die Wirklichkeit des Daseins besser, das Bild oder die Skulptur. Man darf sagen, dass dieses Spannungsfeld die beiden Künste durchaus beflügelt hat, Konkurrenz macht eben erfinderisch. Jede hat für sich etwas dazugelernt.

    Doch dann waren sie plötzlich nicht mehr allein: die Photographie trat um die vorige Jahrhundertwende auf den Plan und zwang die darstellende Kunst zu einer völligen Neubesinnung. Die Photographie war unschlagbar in der äußeren Darstellung der Wirklichkeit, es wurde ihr zwar der Kunststatus zuerst einmal für einige Zeit abgesprochen, aber bald hat sie, die Fotografie, bewiesen, dass sie auf ganz eigenständige Art und Weise ebenso Bilder von der inneren und von der metaphysischen Wirklichkeit, der Wirklichkeit über der Wirklichkeit, zu schaffen imstande ist. Fotografie rückt auf in die Liga der Künste. Keine Sammlung, die auf sich hält, kann es sich heute erlauben, keine Abteilung für Fotografie zu führen. Jetzt gibt es also wieder Anlass für einen Wettstreit – den paragone, wie die Italiener sagen – zwischen nunmehr drei inzwischen gleichrangigen Kontrahenten. Oder wollen wir doch lieber sagen: drei Geschwistern, die schlimmstenfalls ein wenig gegeneinander sticheln. Aber keins macht dem anderen den Rang mehr streitig.

    Und da befinden wir uns mitten drin, in dieser dreifaltigen Ausstellung, genau im Zentrum eines anregenden Spannungsfeldes.

    Von den Collagen und Mischtechniken der Bilder von Christine Wagner über die Specksteinskulpturen von Gertrude Maria Krumpholz zu den Fotografien von Traude Feldschuh.
    Diese drei Künstlerinnen sind in ihrer Eigenständigkeit und Originalität überaus eigenständig – und trotzdem ergibt sich hier ein im Kontrast reizvoller und im Dialog der Bilder harmonischer Dreiklang. Gott sei Dank in Dur und nicht in moll.
    Und –nochmals Gott sei Dank – ich bin nicht in der fatalen Rolle des antiken Jünglings Paris, der einer von den drei Göttinnen Aphrodite, Athene und Hera den goldenen Apfel des Sieges über die beiden anderen überreichen muss. Wir haben hier eben keinen Wettstreit, keinen paragone, kein Zankapfel wird verliehen, gestiftet von der Göttin der Eifersucht mit der Stiefmutter-Frage aus dem Schneewittchen.

    Die ausgestellten Werke bedürfen keiner erläuternden Expertise. Was sie allesamt gemeinsam haben, ist die spürbare Freude der Künstlerinnen am Schaffen, im Wiedergeben (fast möchte ich sagen im Konservieren) des „günstigen Augenblicks“. Die Griechen nannten ihn Kairos, den springenden Zeitfunken, in dem ein Einfall, eine Idee, eine aufblitzende Konstellation dann übergeführt wird in den Chronos, in die Zeit der Dauer, die der Idee im Werk dann verliehen und andren mitgeteilt wird. Ob es nun abstrakte Formen in der Gestalt einer Collage sind, wenn sie unter der Hand der Künstlerin – in unserem Fall von Christine Wagner – zu einer ästhetisch reizvollen, vielleicht auch kontrapunktisch spannungsvollen Bildidee bewegen lassen. Der Kairos, der günstige Augenblick, wird sich bei der Bildhauerin ganz anders ereignen. Vielleicht sogar mehrfach. Zum ersten wohl in dem Moment, in dem ein Stein ausgewählt wird, weil die Künstlerin intuitiv spürt, was in ihm stecken könnte. Intuitiv – das kommt aus dem Lateinischen Wort intueor, das heißt anschauen, betrachten, erwägen, Einblick nehmen.

    Wenn wir von Intuition sprechen, von einem intuitiven Handeln, dann schwingt für uns ja sogar etwas wie Eingebung, Inspiration mit. Inspiration, die allerdings die Bereitschaft zur Aufmerksamkeit voraussetzt, Anschauung, die nicht an der Oberfläche hängen bleibt. Drum sprechen wir ja auch von einer „Welt-anschauung“. Wir sagen: „Intuitiv habe ich das Richtige gemacht.“ Achtsamkeit, auf das Innenleben des Steins zu achten, ist dann wohl in der Folge eine Haltung des Dialogs mit dem Stein, ein Verhandeln mit ihm, ob er willens ist, preiszugeben, was die Bildhauerin – in unserem Fall Gertrude Maria Krumpholz – in ihm vermutet.
    An dieser Stelle möchte ich einen Gedanken weitergeben, den ich selber in diesen Tagen empfangen habe. Ich beschäftige mich gerade – in Vorbereitung ihres 100. Geburtstages – ausführlich mit der Kärntner Lyrikerin Christine Lavant. Dabei habe ich zwei Sätze gefunden, die uns eindringlich erinnern, worauf es im Verhältnis des Menschen zur Kunst letztlich ankommt. Hören Sie Christine Lavant:

    In allen Künsten trifft den Aufmerksamen die Kunde: aus Linien, aus Farben, aus bestimmten Haltungen der Skulpturen, ja aus Tönungen von Teppichen spricht es uns an: leise, lenkend, dass wir schauen und hören. Kunst-Werke gibt es auch abseits der Kunst, Dinge Geräte. Wer achtsam mit den Augen ist, den lässt jedes Kunst-Werk in beschirmender Harmonie teilhaben an sich.

    Soweit Christine Lavant. Und ich möchte ergänzen: wer achtsam ist, den lässt z. B. eine Skulptur unserer Bildhauerin die Zuwendung spüren, die sie dem Stein geschenkt hat, damit daraus eine Gestalt werde.

    Zurück zum Kairos. Kairos, als der günstige Augenblick, ist mit Sicherheit das A und O der Fotografie. Unsere Foto-Künstlerin Traude Feldschuh hat ihr Bekenntnis zum Augenblick sogar auf ihre Homepage gesetzt:

    "Die Fotografie ist das einzige künstlerische Medium, das für mich nur dem Augenblick verpflichtet ist, diesem" Klick", und das reizt mich !"

    Eigentlich besteht die Welt, die Zeit, der Kosmos, das Leben von sieben Milliarden Menschen, aus ungezählten Augenblicken. Jeder eine Perle, die wir nicht als Kette besitzen können. Es gehört uns immer nur eine Perle. „Mein sind die Jahre nicht“, heißt es in einem Gedicht von Andreas Gryphius, „der Augenblick ist mein.“
    Photographie kann beim Festhalten wollen von Augenblicken habsüchtig, besitzgierig, gewaltsam, indiskret, zudringlich sein. Aber sie kann auch behutsam, zärtlich, wohlwollend, poesievoll und vor allem liebevoll ironisch sein. Vor allem letzteres liegt Traude Feldschuh wohl am nächsten.

    Gegenwartskunst zeichnet sich sehr oft durch eine – wie es scheint – gewollte Unverständlichkeit aus. Damit wird – das ist jetzt eine Unterstellung - manche Banalität kaschiert. Was ich an den drei Künstlerinnen schätze, ist ihr Verzicht auf bedeutungsschwangeres Pathos mit esoterischer Duftnote. Alle drei sind ästhetisch ansprechend – ohne verlogene oder schicke Arrangiertheit. Mich berührt zum Beispiel das zärtliche sich Annähern einiger Figuren von Gertrude Maria Krumpholz hin zu einem Du, wobei Ansätze zu stilisierender Abstraktion sichtbar werden. Oder die Torsi, im reizvollen non finito deuten sich Körper an wie noch in einer Muschel geborgen.

    Traude Feldschuh versteht es, bei aller Spontaneität! – mit dem Objektiv und ohne jede digitale oder anderweitige Verfremdung graphische Bilder zu vermitteln, malt dann wieder mit der der Kamera, und entdeckt visuelle Zeichen, auf deren meist unfreiwilligen Witz sie uns Betrachtern erst mit der Kamera die Nase stoßen will. Manche ihrer Fotos sind ein kleines Seminar im Schauen lernen, wie visuell poetisch eigentlich unser Alltag ist.

    Christine Wagners Arbeiten verfolge ich nunmehr schon an die zehn Jahre. Ich bewundere ihre Konsequenz im Erobern neuen Terrains in Farbe und Form, als ich ihre neuen kleinen Wolkenbilder zum ersten Mal sah, faszinierte mich der Weg, den sie zurückgelegt hat von den fast dadaistisch Collagen her zu diesen wunderbar stimmungsvollen Himmelsfindungen, die sie dann mit sparsamen Collage-Elementen etwas abkühlt.

    Bei all ihrer Arbeit geht sie assoziativ-intuitiv vor. Wenn man will, könnte man sagen, die Innere Stimme sagt ihr – und damit zitiere ich Kandinsky – welche Form er (nämlich der Künstler bzw. in diesem Fall die Künstlerin) welche Form er braucht, und von wo sie zu holen ist. Bzw. – ergänze ich – dass ein Collage-Element vielleicht „zufliegt“, dem die innere Stimme dann empfangend antwortet. Jede Form und jede Farbe verursacht ja – nach Kandinsky – eine Seelenvibration – jede Vibration bereichert die Seele. Der „Rest“, nämlich dass und wie ein ganzes Bild daraus wird, ist dann nicht Kalkül (hier würde sonst der Betrachter mit Goethe sagen: Man merkt die Absicht und man ist verstimmt), sondern Raum und Zeit für die Intuition (Schau des inneren Bildes) und der Inspiration in schwebend-auswägender Komponierung. Der inneren Schau gegenüber redlich zu bleiben, ist ja eine der vielen moralischen Pflichten des Künstlers, der Künstlerin.

    Kurzum: Ich finde die Ausstellung sehr gelungen als eine Präsentation, die den paragone mit Witz, Ironie und dennoch tieferer Bedeutung heiter unterläuft. Man amüsiert sich auf hohem Niveau.

    Biographische Details über unser Damenterzett erspare ich mir, angeblich liegen Zettel auf - und man kann sie ja fragen. Ein Wort noch zu den Titeln, die die Künstlerinnen ihren Arbeiten gegeben haben. Ich weiß: Titelgeben macht Spaß, ich durfte ja selber einigen Bildern von Christine Wagner eine Über- oder Unterschrift geben.

    Von dem russisch-deutschen Maler Alexej von Jawlensky wissen wir, dass die Familie sich ein richtiges Spiel daraus machte, sogar den todernst-minimalistischen Meditationen noch Titel zu geben wie „Das Heulen der Wölfe in der Winternacht“. Ernsthafte, vielleicht zu ernsthafte Kuratoren heute lassen diese Titel weg und nummerieren einfach eine Serie fortlaufend durch. Lassen Sie sich von den Titeln anregen – aber gleichzeitig nicht irreführen. Folgen Sie der Interpretationsspur, die Ihnen Ihre Intuition empfiehlt. Rätseln sie nicht, lassen Sie dem Bild, der Skulptur ihr/sein Geheimnis.

    Kleine Fußnote: Heute sind allüberall Selfies in Mode. Traude Feldschuh hat auch ein Selfie hinterlassen. Sie nennt es „Drei Hexen“. Dabei muss die mittlere davon die Fotografin sein. Hexe ist glücklicherweise kein Schimpfwort mehr – und die Bibi Blocksberg die liebste Identifikationsfigur meiner jüngsten Enkelin.

    Um ein wenig Geduld bitte ich sie noch für ein kurzes Nachwort, damit ich mein Versprechen einlösen und meine geheimnisvolle Andeutung auflösen kann , nämlich das von den Zikaden am Beginn.

    Es ist eine Botschaft an uns alle.

    Sie kennen wahrscheinlich alle den Mythos des Sisyphos. Stein auf den Berg, runter rollen, wieder rauf, wieder runter usw. So predigt Camus über die Befindlichkeit des Menschen.
    Ich predige den Mythos des Tithonos. Die griechische Sage erzählt von einem schönen jungen Mann namens Tithonos. Er ist ein Opfer des Liebeshungers und der Eifersucht im griechischen Götterhimmel geworden. Eos, die rosenfingrige Göttin der Morgenröte, tröstete sich mit dem schönen Jüngling, nachdem ihr Zeus höchstpersönlich dessen Bruder, den noch schöneren Ganymed ausgespannt hatte. Als Entschädigung forderte Eos vom Göttervater, dass er ihr diesen Ersatz für ihren Lover, eben den Jüngling Tithonos unsterblich mache. Und Zeus schenkte ihm Unsterblichkeit. Nur eines hatte die rosenfingrige Morgenröte in der Liebeseile vergessen, für Tithonos auch ewige Jugend zu erbitten. Daher wurde dieser älter und älter, verfiel und schrumpfte, konnte aber nicht sterben. Ältere Menschen schrumpfen, auch wenn sie unsterblich sind. Die ewig junge Göttin Eos war schließlich ihres Geliebten, der immer kleiner und kleiner wurde, überdrüssig geworden und wollte ihn auch nicht mehr pflegen, ja nicht einmal mehr anschauen. Schließlich war er so klein geschrumpft wie eine Zikade. Sie sperrte also den zur Zikade Geschrumpften einfach in eine Zündholzschachtel, aus der man ihn nur mehr endlos keifend zirpen hörte. Was ist die Moral der Geschichte?

    Wir sind zwar – noch – nicht unsterblich , werden körperlich aber doch immer älter.
    Um aber einem geistigen Schrumpfungsprozess Einhalt gebietet, kurz: um nicht in der Enge einer geistigen Zündholzschachtel zu landen, brauchen wir etwas, das unsere Sinne wach und uns damit geistig lebendig hält, Ich sage, um nicht zu Zikaden zu werden, brauchen wir die Kunst. Gerade im Älter werden könnten wir unsere verschütteten – aber trotzdem lebendigen Seelenkräfte wieder entdecken: die Fähigkeit der Vorstellung und Anschauung, der Begeisterung und der Anbetung. Wir könnten das schütter gewordene Gefieder der Seele durch die Anschauung des Schönen wieder wachsen lassen, wie es Platon ausgedrückt hat! Und fliegen! Dazu ermuntert und befähigt uns die Kunst. Wozu sonst sollte Kunst gut sein!

    Während meiner Beschäftigung mit dem Thema „Kunst und Alter“ bin ich auf ein bemerkenswertes Buch gestoßen, der Titel: „So viel Energie – Künstlerinnen in der dritten Lebensphase“. Die Autorin Hanna Gagel erzählt darin im Vorwort auch von ihrer Mutter, die ihr Alter mit Lebenslust zu erfüllen wusste. Nachdem die Mutter gestorben war, fand die Tochter im Küchenschrank einen Zettel, offenbar zur eigenen stetigen Erinnerung, darauf stand: „Geist ist die Jugend des Alters“.

    Als die griechische Dichterin Sappho an sich selber das Nahen des Alters verspürt, dichtet sie, vor ungefähr 2600 Jahren:

    …weiß sind die Haare geworden, die schwarzen…schwer ist mir die Seele geworden; nicht tragen die Knie mehr, …sie, die doch einstmals flink waren zum Tanzen gleich Rehen. Darüber seufze ich oft jetzt. Doch was soll ich machen? Alterslos zu werden als Mensch, der man ist, das ist ja nicht möglich…

    Sappho wandelt in einer späteren Dichtung die nahezu hoffnungslose Resignation in eine neue Qualität: sie besinnt sich ihrer Autonomie und beschließt, sich in ihrer Kunst ihre Sonne selbst zu verschaffen! In einem Fragment dichtet sie sich selber, der alt Gewordenen, zu:
    So nimm denn die Leier…

    Ich liebe den Glanz: dies wurde mein Teil jetzt im Leben,
    Hell, strahlend und schön ist dies mein Los, weil ich die Sonne liebe!

    von Hubert Gaisbauer